Die mindestens zwei Mal im Jahr von der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft herausgegebene soziologische Zeitschrift "Tönnies-Forum"

 bemüht sich mit überwiegend soziologischen Aufsätzen die aktuelle Tönnies-Forschung flankierend zu begleiten. 

Das Einzelheft kostet 8.- Euro (Jahres-Abonnement 16.- Euro) und kann u.a. bei der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft erworben werden.

 (ISSN 0942-0843)  

   

Inhalt:

Ferdinand Tönnies und Hans Lorenz Stoltenberg von Arno Mohr

„Cool, ein Taucher“ von Jürgen Oetting

Günther Rudolph, Tönnies-Forscher in der DDR von Sebastian Klauke

Adolf Brütt und Hans Olde von Uwe Carstens

Über Alfred Meusel von Sebastian Klauke

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser des Tönnies-Forums,

das Jahr 2016 war in vielerlei Hinsicht ein ereignisreiches Jahr für die Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft. Es erschienen z.B. – neben einem Sonderforum – die ob­liga­torischen zwei Tönnies-Foren (einschließlich dieses Forums) und der Band 22,2 der Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe (Geist der Neuzeit Teil II, III und IV). Es gab eine Reihe von Veranstaltungen im Ferdinand-Tönnies-Haus (u.a. ein Vortrag über die Geschichte der Entdeckung des Manuskriptes GdN, die Feier zum 80. Todestages von Ferdinand Tönnies, die Verabschiedung des scheidenden Geschäftsführers, ein Vor­trag von Staatssekretär Rolf Fischer über die Revolution 1918, eine Veranstaltung mit der Stadt Kiel über Tönnies und Kiel und natürlich die Gremium Sitzungen des Präsidiums und der MV). Seit dem 1. Mai hat die Gesellschaft mit Sebastian Klauke, M.A. einen neuen Geschäftsführer, der auch das Amt des Wissenschaftlichen Refe­renten übernommen hat. Was bleiben wird ist die Bemühung des Herausgebers, die Qualität des Forums zu erhalten und eine interessante Schrift der Leserschaft vorzule­gen. Ob dies immer gelingt hängt nicht zuletzt von den eingereichten Texten ab und wird sowieso von den Leserinnen und Leser des Forums entschieden.

Wer bisher geglaubt hat, Ferdinand Tönnies wäre ein Meister der Wortschöpfung (z.B. „Kürwille“), wird von Stoltenberg, dessen Text und die dazu gehörenden Erklärungen hier von Arno Mohr vorgelegt werden, mit Wortneuschöpfungen gera­dezu erschlagen. Der Soziologe Johann Plenge hat einmal von Stoltenberg gesagt, er sei mehr Sprach­reformator und Wortschöpfer als Soziologe (gerade hatte Stoltenberg 1928 der DGS die Einrichtung eines „Normen-Ausschusses“ vorgeschlagen, der die Bedeutung grundlegender Begriffe einheitlich festlegen sollte). Tönnies hatte sich – ähnlich wie für seinen Mitarbeiter Willy Schlüter – sehr für Stoltenberg eingesetzt. Bei der Empfehlung für das „Forscherheim Assenheim“ schrieb Tönnies am 21.11.1923 an Max Graf zu Solms u.a.: „Meine Meinung ist, daß Dr. Stoltenberg […] in erster Linie in Betracht käme. Er ist Kriegsteilnehmer und ziemlich schwer kriegs­be­schädigt, und er hat Wissenschaftliches Verdienst.“
[1] Oliver Carlo Errichiello schreibt in dem Buch „Markensoziologische Werbung“: „Stoltenberg galt und gilt in der soziologischen Forschung als höchst umstritten, da sein Sprachsystem von vielen als „sprachakroba­tisch“ und „künstlich“ empfunden wird und wurde.“[2] Lassen Sie sich von Arno Mohr überraschen.

Als mich seinerzeit wohlwollende Menschen bei Wikipedia einstellen wollten, gab es so etwas wie einen „Shitstorm“ („der kann doch nichts außer Flüchtlinge und Tönnies“). Da sprang mir einer zur Seite, der sich „€pa“ (Euro-pa) nannte. Und auch unser Autor Jürgen Oetting – ebenfalls „Wikipedia Autor“ – nahm positiv Stellung. Dass sich unser damaliger Präsident Lars Clausen hinter dem Pseudonym „verbarg“, erfuhr ich viel später. Endlich wurde auf dem 38. Kongress der DGS (26.-30.9.2016) in der AG „Sozial- und Ideengeschichte der Soziologie“ an den großen Soziologen erinnert. Carsten Klingemann sprach u.a. über den Blick von Lars Clausen auf die Karriere von Soziologen im Nationalsozialismus. Wie gerne wäre Lars Clausen dabei gewesen und hätte mitdiskutiert. Wir sind Jürgen Oetting für seine Arbeit sehr dankbar.

Obwohl Ferdinand Tönnies ein Bewunderer von Karl Marx war, galt diese Verehrung nur der Analyse der Gesellschaft – nicht der Ideologie. Da Marx die Ge­meinschaft vernachläs­sigte, ließ unter „Marxisten“ eine Tönnies-Rezeption schwie­rig bis unmöglich erscheinen. So würdigte z.B. die „Frankfurter Schule“ Bewun­derer von Marx nicht, die keine Marxisten waren. Wie es Günther Rudolph geschafft hat, in der DDR eine Dissertation über Ferdinand Tönnies zu schreiben, ist ein kleines Wunder. Sebastian Klauke ist es zu danken, auf diese „Pioniertat“ von Günther Rudolph hinzu­weisen.

Die Künstler Adolf Brütt und Hans Olde waren beide schlechte Schüler. Beide wurden im Zenit ihrer Laufbahnen Professoren – möglicherweise für manche ein klei­ner Trost. Adolf Brütt war einer der bekanntesten Bildhauer seiner Zeit und war mit Ferdinand Tönnies bekannt (warum das so ist, steht im Text). Über Hans Oldes Erfolg ist ähnliches zu sagen. Seine „Nietzsche Radierung“ prägt bis heute unser „Nietzsche Bild“. Uwe Carstens hat über beide Künstler recherchiert und gilt, das ist seinem Text anzumerken, als Bewunderer der Künstler.

Der 1896 in Kiel geborene Nationalökonom, Soziologe und Geschichtswissen­schaftler, Alfred Meusel hatte bei Bernhard Harms promoviert und gehörte zum Freun­des- und Schülerkreis um Ferdinand Tönnies. Nach Kriegsende wurde er 1947 als erster Marxist auf einen deutschen historischen Lehrstuhl berufen. An der Hum­boldt-Universität und als Direktor des Museums für Deutsche Geschichte wurde er ein prominenter, wenn auch teilweise umstrittener Historiker in der Frühzeit der DDR. Sebastian Klauke erinnert an ihn.

Kiel, im Winter 2016                                                                          Uwe Carstens



[1] Max Graf zu Solms. Ein Lebensgang. Briefe / Selbstzeugnisse / Berichte hrsg. von Freda Gräfin zu Solms, Marburg 1982, S. 146. In den ersten Monaten ist Stoltenberg „Leiter“ des Forscherheims und prägt den Werdegang des Grafen entscheidend mit – bleibt aber umstrit­ten.

[2] Oliver Carlo Errichiello, Markensoziologische Werbung. Eine Analyse der ökonomischen Funktionen kultureller Resonanzfelder, Hamburg 2012, S. 90.