Die mindestens zwei Mal im Jahr von der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft herausgegebene soziologische Zeitschrift "Tönnies-Forum"

 bemüht sich mit überwiegend soziologischen Aufsätzen die aktuelle Tönnies-Forschung flankierend zu begleiten. 

Das Einzelheft kostet 8.- Euro (Jahres-Abonnement 16.- Euro) und kann u.a. bei der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft erworben werden.

 (ISSN 0942-0843)  

   

Inhalt:

Grußwort zum 10. Internationalen Tönnies-Symposium von Ana Isabel Erdozáin

Über das 10. Internationale Tönnies-Symposium von Sebastian Klauke

Die permanente Rückkehr der Gemeinschaft von Walter Reese-Schäfer

Die Sicherung der Versicherung von Alberto Cevolini

Naturlehre des Sozialen – Ferdinand Tönnies reloaded von Alexander Deichsel

Überlegungen zur frühen Soziologie: Von Ibn Chaldun bis Tönnies von Frederik Schmitt

Postfaktische Zeiten. Donald J. Trump als Symptom von Arno Bammé

Rezension: Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe Band 2 von Christopher Adair-Toteff

 

Editorial

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, liebe Freundinnen und Freunde der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft.
Das Jahr 2019 hatte für die Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft (FTG) mindestens zwei Höhepunkte: Im Juni erschien der Band 2 der Tönnies-Gesamtausgabe (TG), und als Folge daraus das vom 5. bis zum 7. September stattfindende 10. Internationale Tönnies-Symposium.
Für die Tönnies Forschung nimmt der Band 2 der TG eine Sonderstellung ein, wie der Mitherausgeber Prof. Dr. Dieter Haselbach im „Editorischen Bericht“ betont. Beinhaltet er doch das Hauptwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (GuG) von Tönnies und ist dasjenige Werk, das „mit sechs Auflagen zu Lebzeiten [Tönnies‘] die größte Verbreitung im deutschen Sprachraum fand und ebenso in Übersetzungen auch international die weiteste Aufmerksamkeit“. Die 1887 veröffentlichte Schrift GuG ist das erste spezifisch Soziologische Werk, wie der verstorbene Präsident der FTG Prof. Dr. Lars Clausen schrieb, und begründete in Deutschland die Soziologie als Einzelwissenschaft. Dass die im Mai 2018 verstorbene Frau Prof. Bettina Clausen, die den Band 2 TG mit Prof. Haselbach bearbeitet hat, das Erscheinen des Bandes nicht mehr erlebte, ist besonders tragisch zu nennen.
Aber das Hauptthema für das nun folgende 10. Internationale Tönnies-Symposium, das in den Räumen der Christian-Albrechts-Universität und der Fachhochschule in Kiel stattfand, war damit gesetzt, und da es sich um den 10. Band der TG handelt, der bisher erschienen ist, schließt sich gewissermaßen ein Kreis.
Wir beginnen das Forum mit den einleitenden Worten der Vizepräsidentin der FTG Frau Dr. Erdozáin, die das Symposium im Plenarsaal des Landes Schleswig-Holstein eröffnete. Der darauffolgende Text des Geschäftsführers und Wissenschaftliche Referent der FTG Sebastian Klauke nennt alles Wissenswerte über das Symposium.
Nach den Begrüßungsworten von Frau Erdozàin hielt der an der „Georg-August-Universität“ in Göttingen lehrende Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Walter Reese-Schaefer, der die Politische Theorie und Ideengeschichte zum Arbeitsschwerpunkt hat, den Festvortrag zum Thema „Die permanente Rückkehr der Gemeinschaft“. Hierbei wählte Prof. Reese-Schaefer den für „Tönnsianer“ zunächst ungewohnten Blick von der Gesellschaft auf die Gemeinschaft. Als Beispiel nahm er dabei u.a. die Religionsgemeinschaften, die Gemeinschaft immer wieder entstehen lassen. Die Dichotomie von Kosmopolitismus und Kommunitarismus, die zurzeit lebhaft diskutiert wird (z.B. Tine Stein, Kiel), erinnerte sicherlich einige der Anwesenden an Sibylle Tönnies´ Buch „Cosmopolis Now“, in dem der Weltstaat ein realistisches Konzept und einziger Garant für die „Welt-Sicherheit“ ist.
Der in Mailand geborene Prof. Dr. Alberto Cevolini lehrt zurzeit als Gastprofessor im Bereich Allgemeine Soziologie, Soziologische Theorie an der Universität Bielefeld. Das Thema, das Prof. Cevolini für das Symposium ausgewählt hatte, mag für einiges Erstaunen gesorgt haben. Ist es doch nicht „Allgemeingut“, dass Tönnies zu den Wissenschaftlern zählt, die sich auch mit dem Versicherungswesen auseinandergesetzt haben. Und doch erschien 1917 (DSN 496) in der „Zeitschrift für die gesamte Versicherungs-Wissenschaft“, Bd. 17) der Tönnies Text „Das Versicherungswesen in soziologischer Betrachtung“. Dabei ist das Versicherungswesen durchaus geeignet, z.B. Versicherung und Solidarität zu thematisieren. Zwar ist der Solidaritätsbegriff nicht klar konturiert und findet bei Juristen, Ökonomen, Soziologen und Ethikern keine einheitliche Verwendung. Er liegt jedoch als sozialpolitische Wertentscheidung in der Europäischen Union zugrunde (Art. 2 S. 2 EUV) und bedeutet regelmäßig Rücksichtnahme, das „Füreinander-Einstehen“.
Für Überraschungen und spannende Texte ist der Präsident der FTG und Begründer der Markensoziologie Prof. Dr. Alexander Deichsel hinlänglich bekannt. Hier gelingt ihm dieser Coup mit der „Naturlehre des Sozialen – Ferdinand Tönnies“, der damit „neu geladen“ oder neudeutsch „reloaded“ wird. Prof. Deichsel, der regelmäßig Veranstaltungen an der Universität Hamburg am „Institut für Soziologie“ durchführt, zeigt u.a. auf, wie modern Tönnies heute gelesen werden kann. Insbesondere in der Gestaltsoziologie, die die soziale Funktion von Form meint. Der Faktor Gestalt zeigt sich in der Gestaltsoziologie als jener Wille einer Form, welcher ein förderliches, bejahendes, positives Verhältnis einer Leistung zu handelnden Menschen oder zu anderen Formen einzugehen ermöglicht.
Der Sozialpädagoge Frederik Schmitt, BA und Erziehungswissenschaftler, M.Sc schlägt einen großen Bogen mit bekannten Soziologen. Beginnend mit dem arabischen Historiker und Politiker Ibn Chaldūn al-Hadramī, der durch seine soziologische Denkweise durchaus als einer der ersten Soziologen angesehen werden kann bis hin zu Ferdinand Tönnies.
Der Soziologe und Didaktiker Prof. Dr. Arno Bammé, der seit 2011 die Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle in Klagenfurt leitet, hat uns den Text „Postfaktische Zeiten. Donald J. Trump als Symptom“ zur Verfügung gestellt. „Postfaktisch“ wurde zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Manche benutzen das Wort „Postfaktisch“ als Synonym für Donald Trump. Dabei zeugt Trumps Umgang mit der Wahrheit zuweilen von großer Naivität. Trump ist dafür bekannt, dass er Nachrichten, die von bestimmten Medien verbreitet werden, kritiklos weitergibt. Manchmal ergänzt er sie sogar durch eigene Erfindungen. Aber es gibt andere Beispiele auch in der Soziologie, wie Prof. Bammé aufzeigt.
Wir schließen mit der ersten Rezension für den Band 2 der TG, die von Christopher Adair-Toteff erstellt wurde. Adair-Toteff ist Fellow der Universität South Florida.
Der Herausgeber hat an den einzelnen Texten weder inhaltlich noch stilistisch Veränderungen vorgenommen.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Herbst mit möglicherweise besinnlichen Tagen. Vielleicht regt Sie das aktuelle Forum dazu an, den einen oder anderen Text zu vertiefen.



Oktober 2019                                                                          Dr. Uwe Carstens